Roth: Die Bundesbank – eine Kassandra

Bank Euro26. November 2009. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die Finanzwelt ist im Zwiespalt. Gerade diese Woche veröffentlichten Wirtschaftsexperten ihre optimistischen Prognosen über die Konjunkturentwicklung in 2010. Diverse Finanzwissenschaftler überbieten sich darin in ihren Wachstumshoffnungen. In den optimistischsten Prognosen soll die deutsche Konjunktur im nächsten Jahr um 2,5 Prozent anziehen. Nicht dass die Experten in den letzten Jahren besonders gut gelegen hätten in ihren Voraussagen. Diese Prognosen sind nicht mehr als begründete Erwartungen, errechnet anhand diverser Computermodelle. Aber nach zwei Jahren der Finanzkrise sind die Menschen offen und empfänglicher für positive Nachrichten. Die Weltwirtschaft erholt sich zusehends und insbesondere Deutschland, das extrem hart durch die Krise getroffen wurde, soll von der unerwarteten Erholung profitieren. Die Lokomotive der europäischen Wirtschaft steht im Zentrum Europas. Diese Erwartung des IWF weckt Hoffnungen in der Bevölkerung auf baldige Besserung der Lage. Die Börsen stehen auf Jahreshöchst Niveau und auch die Anleihenmärkte boomen weiter. Der Arbeitsmarkt erscheint stabiler als Viele erwartet hatten, was unsere überraschende Konsumwut weiter unterstützt. Alles wird gut! Auf den ersten Blick trifft das vielleicht zu. Doch bei genauerem Hinsehen entdecken wir viele Risse in der schönen, heilen Welt. Die Bundesbank warnt vor drohenden Belastungen in der Finanzwelt und vermiest damit die gute Stimmung.

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich in der Tat besser, als zum Höhepunkt der Krise erwartet worden war. Wir steuern offiziell auf vier Millionen Arbeitslose zu. Auch wenn man trefflich über die Vollständigkeit dieser statistischen Erhebungen streiten könnte, bleibt unter dem Strich eine verbesserte Ausgangssituation auf dem Arbeitsmarkt. Maßgeblich unterstützt wird diese Entwicklung durch staatliche Eingriffe. Konjunkturpakete und Kurzarbeit schützen noch vor Entlassungen. Aber auch auf den Führungsetagen der Industrie soll angeblich der gesunde Menschenverstand Einzug gehalten haben, denn auch der akute Facharbeitermangel lässt die Wirtschaftsbosse vor Entlassungen zurückschrecken. Wie es allerdings nach dem Ende der Staatsunterstützung mit der Wirtschaft weiter geht, ist mehr als fraglich.

Die Aktienmärkte schlagen Kapriolen und erholen sich innerhalb weniger Monate um bis zu 50 Prozent. Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken pumpt Geld in die Märkte sorgt weltweit für florierende Aktien- und Rohstoffmärkte. Und die auf die aktuelle Billiggeldpolitik folgenden Exit(us) Strategien der Notenbanker, würden durch steigende Zinsen zusätzlich Geld aus den Bondmärkten in Aktien pressen. Es kann also munter weiter gehen an der Wall Street. Die Anleihenmärkte boomen zunächst weiter, da Unternehmen von einer Rekapitalisierung an den Finanzmärkten weiter rege Gebrauch machen. Ob sie wohl von den Banken nicht genug Kredite bekommen? Natürlich gibt es eine Kreditklemme für große Teile der deutschen Wirtschaft. Wir sollen die gebeutelten Finanzinstitute auch die Wirtschaft mit frischen Geld versogen, wo doch die Banken selbst so viele Probleme haben. Und genau darauf weißt die Bundesbank mit ihrer Warnung vor zu viel Optimismus hin. Sie tut recht daran, die Optimisten unter den Finanzwissenschaftlern zur Raison zu bringen. Die deutschen Banken haben in nächster Zeit wahre Herkulesarbeit zu verrichten. Die Bilanzen müssen weiter gesäubert werden. 350 Milliarden Euro stehen noch an „Ramschanleihen“ aus der US-Immobilienblase in den Büchern. Weitere 300 Milliarden Euro. haben die Institute an riskanten Krediten noch in den Kellern liegen. Diese Ausfallrisiken sind hauptsächlich im Bereich von gewerblichen Immobilienfinanzierungen und Schiffsbau-Finanzierungen zu suchen. Dazu muss die Eigenkapitaldecke gestärkt werden, eine Bankeninsolvenz Absicherung aufgebaut werden, Kredite sollen verstärkt ausgegeben werden und am besten sollen die Finanzinstitute dazu noch Gewinne machen. Natürlich wird die Bankbranche aktiv durch den Staat und die Niedrigzinspolitik subventioniert. Dadurch fallen aktuell hohe Gewinne an, aber das wird sich, nach Lage der Dinge, bald ändern. Sollten die Bankflaggschiffe wieder Schlagseite erleiden wird unsere wirtschaftliche Erholung deutlich niedriger ausfallen.

Ich bezweifle, dass dieses Bankenrisiko Teil der Berechnungsgrundlage in den Modellrechnungen genannter Finanzauguren war. Und es gibt noch weitere Unwägbarkeiten auf dem Weg zur Normalisierung der Lage. Die Bundesbank tut gut daran darauf hinzuweisen und mit Warnungen, ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen.

© 26. November 2009/Oliver Roth

* Oliver Roth ist Chefhändler und Börsenstratege der Close Brothers Seydler Bank AG, ein eigenständiges Tochterunternehmen der an der London Stock Exchange gelisteten Close Brothers Group plc, London. Das Unternehmen ist eine der größten Wertpapierhandelsbanken in Deutschland. Roth arbeitet seit 1990 an der Frankfurter Wertpapierbörse und ist seit 11 Jahren bei der Close Brothers Seydler Bank AG, bei der er sowohl Erfahrungen im Rentenhandel als auch im Handel mit deutschen und ausländischen Aktien auf dem Frankfurter Parkett der Deutschen Börse gesammelt hat.

© Deutsche Börse AG

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